Westfalen-Blatt: Das Westfalen-Blatt (Bielefeld) zum Thema Sarrazin:
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Politik und Gesellschaft | 2010-09-03 03:15:34

Westfalen-Blatt: Das Westfalen-Blatt (Bielefeld) zum Thema Sarrazin:

Bielefeld (ots) - Nun hat die Bundesbank also doch Ernst gemacht
und Thilo Sarrazin die Tür gewiesen. Es ist die erste Abberufung
eines Vorsitzenden in der Geschichte der Deutschen Bundesbank. Wenn
Bundespräsident Christian Wulff den Antrag unterzeichnet - und davon
ist auszugehen -, ist Sarrazin weg vom Fenster, vorerst jedenfalls.
Am Ende war der öffentliche und auch politische Druck zu groß.
Spätestens nach seinem Auftritt in der Fernsehsendung »Hart aber
fair« mit erneut rassistisch zu verstehenden Äußerungen war Sarrazin
nicht mehr zu retten. Der Autor (»Deutschland schafft sich ab«) hatte
sich mit weiteren verbalen Entgleisungen selbst immer weiter ins
Abseits gestellt. Seine spätere Einsicht und Reue, zu weit gegangen
zu sein, konnten den Anfang vom Ende Sarrazins nicht mehr stoppen.
Mit der Einleitung eines Abberufungsverfahrens bekommt der Fall eine
entscheidende Wende. Wurde zuletzt noch darüber diskutiert, ob
Sarrazin sagen darf, dass »alle Juden ein bestimmtes Gen teilten,
Basken bestimmte Gene hätten, die sie von anderen unterscheiden«,
steht jetzt eine juristische Frage im Vordergrund: Darf die
Bundesbank ihren Chef feuern, nur weil er seine Meinung geäußert und
vielleicht dummes Zeug geredet hat? Die Juristen werden sich darüber
streiten, ob Thilo Sarrazin seine Juden-These in seiner Funktion als
Bundesbankpräsident, als SPD-Mitglied oder als Buchautor geäußert
hat. Eine Rolle wird auch spielen, ob Sarrazin der Bundesbank Schaden
zugefügt hat oder nicht. Aber unabhängig von allen juristischen
Fragen: Fakt ist, dass Sarrazin als einer der wichtigsten
Repräsentanten der Bundesrepublik mindestens aus moralischen Gründen
für ein derart hohes Amt nicht mehr tragbar war. Seine Aussagen waren
nicht nur unsinnig, sondern auch unerträglich. Sie haben ein
schlechtes Bild auf Deutschland geworfen und alle hier lebenden
Ausländer pauschal beleidigt. Somit ist es nur zu verständlich, dass
dem Provokateur die rote Karte gezeigt wurde. Sarrazin hatte am Ende
keine namhaften Unterstützer mehr. Auch das hat ihm letztlich das
Genick gebrochen. Selbst Wissenschaftler, deren Thesen Sarrazin in
seinem Buch für seine eigene Argumentation verwendet, haben sich
mittlerweile von ihm distanziert. Aber dennoch: Thilo Sarrazin hat
trotz aller verbalen Entgleisungen eine Integrationsdebatte in Gang
gesetzt, die wichtig ist für ganz Deutschland. Hoffentlich erkennen
das auch die Politiker, die sich zwar schnell zu Sarrazin, aber zum
Teil noch gar nicht zum Thema Integration geäußert haben. Hier ist
auch Bundespräsident Christian Wulff gefordert. Man wünschte, dass er
sich gemeinsam mit der Kanzlerin an die Spitze einer ehrlichen
Debatte über die Zuwanderungs- und Integrationsprobleme dieses Landes
stellt - ohne zu spalten, wie Sarrazin es getan hat.  
 
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